Grooming-Prozess: Strategien von Täter*innen – und wie ihr im Verein vorbeugen könnt

Täter und Täterinnen sexualisierter Gewalt handeln strategisch und zielorientiert. Häufig gehen sie nach einem ähnlichen Muster vor, um sich das Vertrauen von Vereinsverantwortlichen, Eltern und Kindern zu erschleichen.

Auch der im vergangenen Jahr zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilte Hamburger Segeltrainer hat diesen „Grooming-Prozess“ genutzt, um sein Ziel zu erreichen und Kindern Gewalt anzutun.

Vor dem Hintergrund dieses aktuellen Falles finden wir es wichtig, Strategien von Tätern und Täterinnen detailliert zu beleuchten: Wir stellen die typischen Phasen des „Grooming-Prozesses“ vor und geben Handlungsempfehlungen, um Täter*innen zu stoppen.

Bitte nehmt euch Zeit für den Text und die Handlungsempfehlungen, gebt ihn in eurem Verein weiter, sprecht darüber, wo euer Verein steht und wo ihr beim Kinder- und Jugendschutz noch nachschärfen könnt. Bei Fragen sind wir jederzeit für euch da!

Deutscher Segler-Verband
Mona Küppers, Beauftragte für den Schutz vor Gewalt im DSV
schutzvorgewalt@dsv.org

Felicitas Benkmann, Referentin für die Prävention sexualisierter Gewalt
psg@dsv.org
Tel: +49 40 632009-60
Mobil: +49 170 3886902

Hamburger Segel-Verband
Ansprechpersonen Prävention sexualisierter Gewalt: Felix Flentge und Jasmin Meyer
jugendschutz@hsgj-hamburg.de

Die Phasen des Grooming-Prozesses und Interventionen des Vereins

1. Täter und Täterinnen suchen sich das passende Umfeld

Missbrauch beginnt in der Regel mit der Fantasie eines Täters/einer Täterin, ein Kind sexuell auszubeuten. Anstatt diese Fantasie zu stoppen, gehen sie dieser nach – nicht selten durch den Konsum von Missbrauchsabbildungen und dem Austausch mit anderen im Netz. Schritt für Schritt überwinden Täterinnen und Täter innere Hemmungen, die Fantasie in die Tat umzusetzen. Sie überlegen, in welchen Bereichen sie sich engagieren können, um mit potenziellen Opfern in Kontakt zu kommen – zum Beispiel im Sport. [1]

Das könnt ihr im Verein tun: Hinschauen beim Einstellen von Trainern und Trainerinnen

Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchte, muss ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Dort sind alle kinderschutzrelevanten Straftaten der vergangenen 10 bis 20 Jahre eingetragen. Doch das Führungszeugnis erfasst nur Verstöße, die aktenkundig geworden sind.

Um mehr über die Motivation und Vorgeschichte der Bewerber und Bewerberinnen herauszufinden, sollten Einstellungsgespräche auch mit ehrenamtlich Tätigen (z. B. Übungsleiter*innen) geführt werden – und zwar mit mehr als einer Person aus dem Verein. Häufig ergibt sich hier ein erstes Bauchgefühl ins Positive oder Negative. Diesem müsst ihr immer nachgehen, auch wenn der Trainerposten vakant ist. Ist die Vita zu perfekt, um wahr zu sein? Sind in der Darstellung Lücken, die sich nicht füllen lassen? Gibt es Vereine, in denen die Person vorher engagiert war? Dort nachzuhaken, ist völlig legitim.

Bereits im Erstgespräch mit neuen Trainern und Trainerinnen solltet ihr das Präventionskonzept des Vereins ansprechen. Wem sichere Trainingsbedingungen wichtig sind, der fühlt sich durch das aktive Ansprechen eines Schutzkonzeptes bestätigt; wer auf der Suche nach Opfern ist, wird von diesem offensiven Ansprechen eher abgeschreckt.

2. Täter und Täterinnen bauen sich ein Image im Verein auf, spinnen Netzwerke, vernebeln die Wahrnehmung

Im Verein angekommen, beginnen die Täter/Täterinnen planvoll ihr Netz zu spinnen: Sie machen sich beliebt, engagieren sich, vernebeln zugleich die Wahrnehmung des Umfeldes: Sie engagieren sich im Kinderschutz, flirten teils mit Kollegen und Kolleginnen, unterstützen überlastete Eltern, freunden sich mit Leitungs- oder Aufsichtspersonal an…  Das Ziel dieser Strategie: Kinder und Jugendliche sollen keine Chance sehen, sich den Erwachsenen anzuvertrauen, da sie davon ausgehen, dass die Erwachsenen mit dem Täter oder der Täterin befreundet sind und folglich den Opfern nicht glauben.

Das könnt ihr im Verein tun: Bauchgefühl zulassen, auf professionelle Distanz achten

Sexueller Missbrauch wird begünstigt, wenn Menschen wegschauen oder ihr ungutes Gefühl ignorieren. In dieser frühen Phase des Grooming-Prozesses kommt bei Einzelnen häufig ein erstes, diffus ungutes Bauchgefühl auf. Da der Täter/die Täterin aber so geschickt agiert, wird das Gefühl häufig weggeschoben und verdrängt. Doch das Gefühl hat seine Berechtigung und muss weiterverfolgt werden! Niemand muss einen Verdacht herausposaunen, aber der Verdacht muss verifiziert oder widerlegt werden. Wendet euch mit eurem Verdacht an die Ansprechperson eures Vereins oder zieht eine externe Stelle dazu. Das kann der DSV sein, der Landessportbund oder auch das Jugendamt. Die Kontaktadressen findet ihr im Anhang.

Zwischen Trainer*in und Kindern und Jugendlichen bzw. ihren Eltern besteht ein Machtgefälle. Ihr müsst darauf achten, dass eine professionelle Distanz gewahrt wird – Trainer*innen und Eltern verbindet keine Freundschaft, auch nicht Trainer*innen und Kinder! Kinder himmeln ihre*n Trainer*in oft an, er oder sie ist für sie eine wichtige Autoritäts- und Vorbildperson. Sie wollen ihm/ihr nah sein. Die Verantwortung, hier die nötige Distanz zu wahren, liegt ganz klar bei den Erwachsenen!

3. Opfer identifizieren, isolieren, manipulieren

Wenn ein gewisses Standing im Verein erreicht ist, loten Täterinnen und Täter aus, welches Kind oder welche*r Jugendliche als Opfer infrage kommen könnte. Besonders verletzlich sind Kinder mit geringem Selbstwertgefühl, familiären Problemen oder großem Leistungsdruck, mit körperlichen, geistigen oder seelischen Handicaps. Ist das Opfer identifiziert, beginnt der Täter/die Täterin, das Kind gezielt zu umwerben. Er/sie besorgt sich viele Informationen über das Kind, gewinnt sein Vertrauen und gibt ihm das Gefühl, etwas ganz Besonders zu sein. Gezielt versucht der Täter/die Täterin eines oder mehrere Kinder von der Gruppe zu isolieren – beispielsweise, indem er/sie ihnen besondere Verantwortung gibt, ihnen das beste Boot oder die besten Segel zuteilt und die anderen Kinder Neid oder Ärger empfinden.

Das könnt ihr im Verein tun: Hinschauen, auf Nähe und Distanz achten!

Erwachsene und Vereinsverantwortliche müssen genau hinschauen: Zieht sich ein Kind zurück? Gibt es Streit in der Gruppe? Wird ein Kind oder ein Team unangemessen bevorzugt? Ist der Trainer/die Trainerin sehr körperlich, nimmt er/sie Kinder regelmäßig auf den Schoß oder kuschelt mit ihnen? All dies sind Anzeichen, die ernst genommen und verfolgt werden müssen!

4. Widerstand der Opfer überwinden

Um auszutesten, was geduldet wird und was nicht, begeht der Täter/die Täterin scheinbar zufällig sexuelle Grenzverletzungen. Beispielsweise berührt er/sie Kinder „zufällig“ an der Brust, am Po oder im Intimbereich. Er/sie kommt „zufällig“ in die Umkleide oder macht in der Gruppe anzügliche Kommentare und betrachtet die Reaktion der Kinder genau. Wenn die Betroffenen sich nicht wehren und auch das Umfeld nicht reagiert, passieren diese Grenzverletzungen immer wieder. Schritt für Schritt steigern Täter und Täterinnen die Übergriffe und desensibilisieren so Jungen und Mädchen gegenüber sexualisierter Gewalt.

Im nächsten Schritt geht es darum, Situationen zu schaffen, in denen der Trainer/die Trainerin mit dem Kind alleine sein kann, beispielsweise indem er/sie anbietet, das Kind nach dem Training nach Hause zu fahren; bei Übernachtungen auf einer Segelfreizeit; oder bei einer „Einzel-Trainingseinheit“. Der Täter/die Täterin fügt dem Opfer sexualisierte Gewalt zu.

Das könnt ihr im Verein tun: Hinschauen, nachfragen, Bauchgefühl nicht wegschieben!

Wenn Kinder sexuelle Grenzverletzungen an anderen beobachten oder selber betroffen sind, schweigen sie häufig – weil sie nicht wissen, wem sie sich anvertrauen sollen, oder weil sie denken, dass ihnen niemand glaubt. Diese fehlende Beschwerdestruktur macht es Tätern und Täterinnen leicht, immer weiterzumachen und schließlich sexuelle Gewalt auszuüben.

Die Kinder müssen jederzeit wissen, an wen im Verein sie sich wenden können, wenn sie sich unwohl fühlen. Und sie müssen sicher sein, dass ihnen Glauben geschenkt wird.

Kinder sollen sich im gesamten Umfeld des Vereins wohl und gesehen fühlen – nicht nur bei einer Bezugsperson. Dazu gehört, dass Kinder im Vereinsgeschehen mitbestimmen dürfen, dass ihr Kinderrechte im Sport klar kommuniziert und dass die Kinder regelmäßig von mehr als einer Person betreut werden. Eltern sollen die Möglichkeit haben, beim Training dabei zu sein.

Nicht nur Kinder schweigen, auch Erwachsene sehen teils aktiv weg, wenn Trainer oder Trainerinnen Grenzen verletzen – im Nachhinein ist diese Erkenntnis sehr schmerzlich, da bereits zu diesem Zeitpunkt viel Leid hätte verhindert werden können.

Daher ist es wichtig, dass ihr Gesehenes und Gehörtes nicht wegschiebt und euch Hilfe holt! Dokumentiert das Gesehene stichwortartig mit Uhrzeit und Datum, wendet euch mit euren Beobachtungen an die Ansprechpersonen im Verein oder eine externe Stelle. Kein Verdacht ist zu klein oder abwegig, um verfolgt zu werden!

5. Das Opfer zum Schweigen bringen

Wenn es zum Missbrauch kommt, sind die Kinder und Jugendlichen durch die vorausgegangenen Grenzverletzungen oft so verunsichert, dass sie nicht mehr gut einschätzen können, was mit ihnen passiert. Oftmals fühlen sie sich schuldig und schämen sich. Die Täterin oder der Täter suggerieren ihnen, dass sie das doch selber gewollt hätten. Dabei nutzen die Täter*innen, dass in circa 30 Prozent der Fälle Betroffene während der sexualisierten Gewalt – ohne es zu wollen – sexuell erregt wurden. [2]

Angst und Scham halten Betroffene davon ab, sich anderen anzuvertrauen oder Anzeige zu erstatten – daher geht man von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Kinder und Jugendlichen sind traumatisiert und verlassen unter Umständen den Verein ohne Chance auf Hilfe.

Das könnt ihr im Verein tun: Hinschauen, nachfragen, Bauchgefühl nicht wegschieben!

Eine Kultur der Aufmerksamkeit und des Hinsehens ist für Kinder und Jugendliche überlebenswichtig – sie entscheidet darüber, ob die Kinder durch die Zeit im Verein seelisch gestärkt oder schwer geschädigt werden. Daher: Schaut hin und fragt nach!  Warum verlässt ein Kind nach jahrelangem Segeltraining auf einmal euren Verein? Warum bricht eine Segelgruppe auseinander? Verhalten sich Kinder auffällig?

Um Kinder und Jugendliche zu schützen, sind alle Erwachsenen gefordert. Das Kinder- und Jugendtraining darf keine ausgelagerte „Black Box“ sein, in der Einzelne nach Belieben agieren können. Die Jugendarbeit muss in den Verein eingebettet sein, die Kinder und Jugendlichen müssen als gleichberechtigte Mitglieder mit Rechten und Mitbestimmung wahrgenommen werden. Eine Kultur des Hinsehens, der Aufmerksamkeit und der Gleichberechtigung kann Grooming wirkungsvoll unterbinden und Täter*innen abschrecken!

Weitere Informationen

Grooming-Prozess im Sport
Sehr plastisch wird der Grooming-Prozess in diesem Video der Kontakt- und Beratungsstelle Zartbitter e.V. dargestellt: https://vimeo.com/586869310/3375ff13b4?fl=pl&fe=cm

Tipps für Eltern
7 Tipps wie Du Kinder besser vor sexueller Gewalt schützen kannst, vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: https://nicht-wegschieben.de/

Kinderrechte
Video von UNICEF: Kinderrechte – Kindgerecht erklärt

Anlaufstellen und Beratung in Hamburg und bundesweit

Deutscher Segler-Verband
Mona Küppers, Beauftragte für den Schutz vor Gewalt im DSV
schutzvorgewalt@dsv.org

Felicitas Benkmann, Referentin für die Prävention sexualisierter Gewalt
psg@dsv.org
Tel: +49 40 632009-60
Mobil: +49 170 3886902
Mehr Informationen: https://www.dsv.org/ueber-uns/gesellschaftliche-verantwortung/schutz-vor-gewalt/

Hamburger Segel-Verband
Ansprechpersonen Prävention sexualisierter Gewalt: Felix Flentge und Jasmin Meyer
jugendschutz@hsgj-hamburg.de
Alle eingehenden Nachrichten werden vertraulich behandelt.

Mehr Informationen: https://segelverband-hh.de/jugend/schutz-vor-gewalt-missbrauch/

Hamburger Sportbund
Ansprechpartnerin für Erwachsene: Annika Weinkopf
a.weinkopf@hamburger-sportbund.de
040 / 41908-145

Ansprechpartnerin für Kinder und Jugendliche: Jennifer Niß
j.niss@hamburger-sportjugend.de
040 / 41908-264

Mehr Informationen: https://www.hamburger-sportbund.de/themen/schutz-vor-gewalt/hilfe-bei-vorfaellen-verdachtsfaellen

Jugendämter in Hamburg
Übersicht nach Stadtteilen: https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bsfb/familie/jugendhilfe/hamburger-praxis/jugendaemter-36254

Kinder- und Jugendnotdienst Hamburg
Der Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) ist eine Einrichtung für Hamburger Kinder und Jugendliche in akuten Not- und Gefahrensituationen und 24 Stunden erreichbar.
040 428 15 32 00
KJND-online@leb.hamburg.de

Kinderschutzzentrum Hamburg
Beratung für Kinder und Jugendliche, die sexuellen Missbrauch erlebt haben oder selber Missbrauch verübt haben.
Tel. 040 491 00 07
kinderschutz-zentrum@hamburg.de
www.kinderschutzzentrum-hh.de

Nummer gegen Kummer
Anonyme und kostenlose Telefonberatung
Für Kinder: 116111
Für Eltern: 0800110550
www.nummergegenkummer.de

Hilfeportal Sexueller Missbrauch
Das Hilfe-Telefon berät anonym, kostenfrei, mehrsprachig und in Gebärdensprache.
Tel. 0800 22 55 530
www.hilfe-portal-missbrauch.de

[1] https://zartbitter.de/das-geplante-verbrechen-sexueller-missbrauch-im-sport/
[2] Quelle: Nimmermehr e.V.